Schritt 1: Neugierig sein, protestieren, eigene Ideen entwickeln und beispielsweise daraus gemeinsam mit anderen ein Kollektiv gründen, um vor Ort konkrete Lösungen für eine nachhaltigere Zukunft umzusetzen
Stephanie: Kerstin, du engagierst dich schon seit vielen Jahren für Klimaschutz. Kannst du dich noch daran erinnern, wie deine Begeisterung dafür begonnen hat?
Kerstin: Nach dem Abitur habe ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Gemüsebauernhof gemacht. Dort habe ich gemerkt, wie wichtig mir der Schutz unserer Lebensgrundlagen ist. Die Klimakrise und das Artensterben bedrohen genau das. Gleichzeitig hatte ich immer Interesse daran, etwas Technisches zu studieren. So bin ich relativ uninformiert auf Umweltingenieurwesen gekommen: Da ist Umwelt und da ist Technik – das passt doch! Die erneuerbaren Energien habe ich dann im Studium kennengelernt und gemerkt, dass ich diesen Weg weiterverfolgen möchte.
Ich werde jetzt nicht Bundeskanzlerin – das ist nicht so mein Ding. Ich sehe mich eher in einer Nische und hoffe, dazu beitragen zu können, dass diese Nische immer größer wird.“
Stephanie: Hat sich deine Motivation über die Jahre verändert?
Kerstin: Am Anfang war ich stärker auf der Protestschiene unterwegs, unter anderem bei Ende Gelände. Da wurde ich sehr stark politisiert. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass mir das nicht mehr reicht. Es ist anstrengend, immer nur dagegen zu sein.
Gegen Ende meines Studiums kam deshalb der Wunsch auf, auch etwas Positives aufzubauen. Ich wollte Teil davon werden, die Welt, wie ich sie mir vorstelle, mitzugestalten und meinen kleinen Beitrag dazu zu leisten. Ich werde jetzt nicht Bundeskanzlerin – das ist nicht so mein Ding. Ich sehe mich eher in einer Nische und hoffe, dazu beitragen zu können, dass diese Nische immer größer wird.
Stephanie: Apropos Bundeskanzlerin…Du engagierst dich genau andersherum für eine Energiewende von unten. Was bedeutet das für dich?
Kerstin: Das ist ziemlich viel. Energie ist heute eine Art Grundbedürfnis. Sie gehört zur Grundversorgung, genauso wie Essen, Trinken und ein warmes Zuhause.
Gleichzeitig verstehen wir die Energiewende als etwas Gemeinschaftliches. Wir schließen uns zusammen, lernen, wie Dinge funktionieren, und überlegen gemeinsam, wie wir das Beste für alle herausholen können. Mit Freund:innen habe ich deshalb in Kassel das Solarkollektiv SoLocal Energy gegründet.
Wir wollen die erneuerbaren Energien aus dieser rein technischen Ecke herausholen. Wir wurden am Anfang oft gefragt: Was ist denn eure technische Innovation? Die haben wir nicht. Wir machen das, was es bereits gibt, und versuchen, es auf eine Art zu den Menschen zu bringen, die sie anspricht. Das ist für uns eine soziale Innovation.
Stephanie: Was würdest du Menschen mitgeben, die selbst ein Kollektiv gründen oder sich zusammenschließen möchten?
Kerstin: Ich glaube, was uns auch durch schwierige Phasen getragen hat, ist, dass wir versuchen, uns als ganze Menschen da sein zu lassen – also auch mit den Emotionen, die dazugehören. Wenn man etwas gründet, ist das nicht nur ein Job. Da steckt sehr viel von einem selbst drin. Deshalb fühlt es sich auch anders an, wenn jemand das eigene Werk kritisiert oder etwas nicht gut läuft.
Wichtig ist, Zeit in die zwischenmenschlichen Beziehungen zu investieren. Wir machen zum Beispiel regelmäßig Sozialpläne, bei denen wir uns intern austauschen: Wie geht es uns gerade miteinander? Gibt es Konflikte, die wir uns anschauen sollten, bevor sie eskalieren? Außerdem haben wir regelmäßig Supervisionen mit einer externen Person. Ich finde auch wichtig, verschiedene Perspektiven hereinzuholen und gleichzeitig seine Nische zu finden. Wir müssen leider alle im Kapitalismus existieren und brauchen ein Geschäftsmodell, das funktioniert. Man muss sich einen Teil der eigenen Radikalität bewahren und gleichzeitig Kompromisse zulassen.
Außerdem gibt es tolle Vernetzungsangebote. Viele Kollektive wünschen sich, dass es mehr Kollektive gibt, und beantworten Fragen gerne. Man muss also nicht alles selbst herausfinden. Ich würde empfehlen, einfach zu schauen, was es in der eigenen Nähe gibt, und die Leute anzusprechen.
Schritt 2: Gemeinsam und voneinander lernen. Bei Workshops oder Solar-Camps mit Gleichgesinnten praktische Erfahrungen sammeln. Dafür sind keine Vorkenntnisse notwendig.
Stephanie: Ein besonderer Teil eurer Arbeit im Kollektiv sind die Solar-Camps speziell für FLINTA-Personen. Was macht ihr dort und warum ist euch dieses Angebot so wichtig?*
Kerstin: In den Solarcamps lernen wir in solidarischer Gemeinschaft das handwerkliche Einmaleins der Photovoltaik. Dass es diese Camps speziell für FLINTA-Personen gibt, war für uns eigentlich von Anfang an ein wichtiges Thema. Wir haben schon in unserer eigenen Teamentwicklung versucht, Gender-Parität herzustellen. Das war im Studium, wenn man sich dort umgeschaut hat, nicht unbedingt selbstverständlich. Dass wir selbst ein starkes FLINTA-Team haben, schafft natürlich auch Glaubwürdigkeit.
Wir haben uns dazu auch weitergebildet, weil unser Team lange sehr cisgeschlechtlich geprägt war. Dabei war es uns wichtig, die Unterscheidung zwischen Frauen und FLINTA* zu verstehen. Es geht eben nicht nur um Frauenförderung. Es gibt noch viele weitere Menschen, die vom Patriarchat diskriminiert werden. Wir wollen Räume schaffen, die nicht einfach nur Alibi-FLINTA*-Räume sind.
Darin steckt allerdings viel Arbeit. Wir beschäftigen uns mit Awareness-Konzepten und versuchen, über Fundraising auch die Zeit für Weiterbildungen und die Gestaltung dieser Räume zu finanzieren. Die Rückmeldungen aus den Camps der vergangenen Jahre zeigen uns, dass unsere Bemühungen ankommen.
Stephanie: Gibt es besondere Momente aus den Solar-Camps, die dir in Erinnerung geblieben sind?
Kerstin: Ich finde es immer besonders schön, dass auch Menschen aus dem Handwerk dabei sind, von denen wir unglaublich viel lernen können. Wir haben alle Elektrotechnik oder Umweltingenieurwesen studiert. Das heißt aber nicht, dass wir besonders gut mit Holz, Metall oder Werkzeugen umgehen können. Das mussten wir uns in der Praxis selbst beibringen.
Andere Menschen, zum Beispiel Tischlerinnen, Schreinerinnen oder Personen aus dem Metall- und Dachhandwerk, haben solche Dinge über Jahre in der Ausbildung und Praxis gelernt. Da können wir dann auch gut abgeben und sagen: Dafür sind wir jetzt nicht die Expertinnen. Und es gibt immer Menschen, die sagen: Ja, ich zeige das jetzt den anderen Teilnehmenden.
Dadurch löst sich ein bisschen auf, wer hier eigentlich anleitet und wer teilnimmt. Ich finde das ein schönes Symbol dafür, dass wir wertschätzen, was die Menschen mitbringen.
Man muss sich einen Teil der eigenen Radikalität bewahren und gleichzeitig Kompromisse zulassen.“
Stephanie: Brauchen die Teilnehmenden dafür technische Vorkenntnisse oder richtet ihr euch auch an Menschen, die bisher wenig mit dem Thema zu tun hatten?
Kerstin: Wir sagen ganz klar, dass keine Vorkenntnisse nötig sind. Wir fangen ziemlich bei null an. Wir hatten zum Beispiel einmal eine Soziologin dabei, die gesagt hat, dass sie bisher überhaupt nichts damit zu tun hatte, aber jetzt Interesse daran hat. Der FLINTA*-Kontext ermöglicht ihr überhaupt erst, diesem Interesse nachzugehen, auch wenn sie noch keine Ahnung hat.
Natürlich haben wir dadurch auch unterschiedliche Wissensstände. Menschen, die in bestimmten Bereichen schon mehr wissen, müssen manchmal warten, bis etwas Neues für sie kommt. Wir versuchen deshalb, uns didaktisch weiterzuentwickeln und vorhandenes Wissen stärker einzubeziehen. Insgesamt hat es aber gut geklappt.
Schritt 3: Zuhören und Lösungsorientiert bleiben. Orte schaffen, in denen erneuerbare Energien im alltäglichen Leben erfahrbar werden und sich unterstützenswerten Projekten anschließen
Stephanie: Ihr richtet euch mit eurer Arbeit auch an Menschen, die sich bereits für Klimagerechtigkeit einsetzen. Wie erreicht ihr darüber hinaus Menschen, die bisher wenig mit dem Thema zu tun hatten?
Kerstin: Das Gefühl von Handlungsunfähigkeit und Gleichgültigkeit nimmt leider zu. Das kann ich auch verstehen, denn die Nachrichten sind nicht gerade rosig. Was wir deshalb empfehlen, ist ein Fokus auf die Lösungen. Das Problem kann man relativ knapp beschreiben: Der Klimawandel ist real, gefährlich und menschengemacht – aber wir können noch etwas tun. Klimakommunikation ist keine Einbahnstraße. Man muss zuhören und herausfinden, was dem anderen Menschen wichtig ist.
Oft entstehen Veränderungen durch kleine Handlungen. Früher hatten wir häufig das Bild, dass man erst ein Klimabewusstsein entwickeln muss, um dann klimaschützende Maßnahmen zu ergreifen. In der Realität ist es häufig andersherum. Wenn ich mir zum Beispiel ein Balkonkraftwerk anschaffe, denke ich vielleicht: Ich bin ein Mensch, der erneuerbare Energien nutzt. Ich produziere meinen eigenen Strom. Ich kann also selbst etwas beitragen. Von dort aus kann ich weitere Schritte gehen.
Stephanie: Was hindert Menschen deiner Meinung nach daran, selbst aktiv zu werden? Fehlen ihnen Informationen oder eher Erfahrungswerte?
Stephanie: Ich würde tatsächlich nicht sagen, dass es in erster Linie an fehlenden Informationen liegt, sondern eher an fehlenden Erfahrungen. Es fehlen Orte, an die ich gehen kann, oder Möglichkeiten, das Thema dort kennenzulernen, wo ich mich ohnehin bewege – zum Beispiel auf einem Supermarktparkplatz.
Wenn ich weiß, dass es Balkonkraftwerke gibt, kann ich online danach suchen und finde unzählige Angebote. Das ist nicht unbedingt das Problem. Schwieriger ist die Frage: Wo gibt es niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten?
Vieles findet inzwischen online statt, und das ist auch praktisch. Aber ich glaube, wir erreichen Menschen besonders gut dort, wo sie sich täglich bewegen: bei der Arbeit, beim Einkaufen oder vielleicht an der Tankstelle. Wissen allein reicht nicht. Es braucht auch veränderte Einstellungen, Menschen, die uns unterstützen, und Orte, an die wir gehen können.
Oft entstehen Veränderungen durch kleine Handlungen. Früher hatten wir häufig das Bild, dass man erst ein Klimabewusstsein entwickeln muss, um dann klimaschützende Maßnahmen zu ergreifen. In der Realität ist es häufig andersherum.
Stephanie: Wie kann man Menschen an solchen alltäglichen Orten konkret erreichen?
Kerstin: Eine Zauberformel der Klimakommunikation gibt es nicht, die immer für alle funktioniert. Was für viele Menschen aber gut funktioniert, ist der finanzielle Aspekt.
Man muss also nicht unbedingt damit anfangen, dass ein Balkonkraftwerk klimaschonend ist, sondern kann erklären, dass es Geld spart. Wir sprechen oft von zehn bis zwanzig Prozent der Stromrechnung im Jahr. Dann kann man ganz konkret ausrechnen: Was kostet die Anlage? Wie viel spare ich ein? Wann hat sie sich amortisiert?
Ich fand es deshalb total gut, als Balkonkraftwerke aus dieser Nische herauskamen und plötzlich vorne im Baumarkt standen. Da konnte man sie sehen, den Preis lesen und feststellen: So kompliziert ist das gar nicht, so hässlich ist es auch nicht, und man muss es einfach nur einstecken. Dadurch sind sie für viel mehr Menschen erreichbar geworden.
Der niedrigschwelligste Weg ist wahrscheinlich, erst einmal zu schauen: Wer macht schon etwas Gutes, das ich unterstützen möchte, und wo kann ich mich anschließen?“
Stephanie: Wenn jemandem begegnest, der die Welt genau wie du damals ein Stück weit retten und sich für Klimaschutz einsetzen möchte, aber überhaupt nicht weiß, wo sie anfangen soll – was würdest du dieser Person raten?
Kerstin: Das kommt natürlich auch ein bisschen auf den Typ an. Die meisten lokalen Klimagruppen freuen sich über Interesse und haben eher zu wenige als zu viele Menschen.
Man kann auch auf Instagram schauen, wer in der eigenen Region sympathischen Content macht, und die Leute anschreiben. Bei Präsenzveranstaltungen hat man den Vorteil, dass man besser hineinspüren kann, ob eine Gruppe zu einem passt. Ich würde auf jeden Fall empfehlen, das Thema gemeinsam anzugehen. Die Klimakrise ist ein riesiges Problem, und es ist schwierig, damit allein umzugehen.
Der niedrigschwelligste Weg ist wahrscheinlich, erst einmal zu schauen: Wer macht schon etwas Gutes, das ich unterstützen möchte, und wo kann ich mich anschließen?