Ein Bauwerk, zwei Energiequellen: Die Giraffe vereint Sonne und Wind © 2026

Schritt 1: Prüfen, ob es lokale Förderungen gibt!

Stephanie: Hi Christoph. Wir sitzen gerade bei euch im freiLand Potsdam im Makerspace. Wenn du mir jetzt einen Kaffee machst, dann wäre das ein Solar-Kaffee?

Christoph: Genau, ja. Wenn ich jetzt einen Kaffee mache, dann ist der rein aus der Energie der Sonne gewonnen. Das ist eine super Situation, in der wir uns befinden. Effektiv steht der Stromzähler still.

Wenn die Sonne scheint, haben wir dreimal so viel Strom, wie wir brauchen. Wir haben Veranstaltungen, wo wir große Schilder aufhängen und sagen: Das DJ-Set, die Pommes und die komplette Veranstaltung, das ist alles Solarenergie.

„Wenn jemand aufs Gelände kommt, soll man sofort sehen: Hier passiert etwas mit erneuerbaren Energien. Das sollte wirklich in-your-face sichtbar sein.“

Stephanie: Wow - das ist toll, aber nochmal einen Schritt zurück: Wie kam es dazu, dass ihr energetisch autark geworden seid?

Christoph: Es begann damit, dass das freiLand als Kulturzentrum eine halbe Million Euro bekommen hat, für die energetische Sanierung von Kulturorten. Wir haben gesagt: Wir gehen richtig rein und versuchen im Grunde alles umzusetzen, was zu einer modernen, unabhängigen Energieversorgung dazugehört.

Dabei standen wir immer wieder vor vielen Herausforderungen. Ursprünglich wollten wir unseren überschüssigen Strom als zusätzliche Einnahmequelle an die Stadtwerke verkaufen, aber das ist wegen bürokratischen Hürden nicht möglich.

Wir verschenken aktuell unseren Reststrom an die Stadtwerke.

Schritt 2: Menschen im Umfeld haben, die sich technisch auskennen. Selbst bei Kauflösungen hilft es sehr, selbst anpacken zu können.

Stephanie: Im Rahmen dieser großen Förderung habt ihr auch die Solargiraffe gebaut?

Christoph: Die Giraffe war zuerst gar nicht geplant. Am Anfang war geplant, dass wir Solar auf die Dächer machen und Windwalzen mit obendrauf setzen. Aber die Firma, die die Windwalzen macht, ist leider pleitegegangen - eine der Herausforderungen, die uns begegnet ist.

Wir wollten trotzdem das Zeichen setzen, dass Wind und Solar zusammengehören. Die Solargiraffe vereint beides: Solar auf dem Rücken und ein Windrad als Kopf. Die haben wir als Produkt bei der schwedischen Firma Innoventum gekauft und die wurde innerhalb eines Tages aufgebaut.

Wenn jemand aufs Gelände kommt, soll man sofort sehen: Hier passiert etwas mit erneuerbaren Energien. Das sollte wirklich in-your-face sichtbar sein. Die Solargiraffe liefert nur ungefähr ein Drittel von dem Strom, den wir insgesamt erzeugen. Die deutlich größere Solaranlage befindet sich auf dem Dach.

Stephanie: Und wie reagieren die Menschen hier auf die Solargiraffe?

Christoph: Eigentlich gab es nur positive Reaktionen. Andere Vereine nehmen die Solargiraffe wahr. Eine Fahrraddemo hatte hier ihr Ziel und die Organisatoren wollten etwas dazu hören. Die Leute verstehen sofort, worum es geht.

„Die Maker haben das Projekt von 90 auf 100 Prozent getragen. Ohne diese letzten zehn Prozent hätte es nie funktioniert.“

Stephanie: Und inwiefern spielt Open Source Energietechnik bei der Solargiraffe eine Rolle?

Christoph: Bei der Überwachung des Gesamtsystems haben wir als Chaos Computer Club und mit Leuten aus der Machbar, dem Makerspace auf dem Gelände, komplett Open Source verwendet, um die ganzen Daten zusammenzuführen und sichtbar zu machen. Online kann sich jede:r die aktuelle Energieerzeugung der Solargiraffe ansehen.

Unter diesem Link ist die aktuelle Energiegewinnung im freiLand rund um die Uhr offen zugänglich. © 2026

Außerdem war die Solargiraffe von der Firma verpolt angeschlossen. Und wir mussten sie andersrum polen, damit sie überhaupt funktioniert. Die Maker haben das Projekt von 90 auf 100 Prozent gebracht. Ohne diese letzten zehn Prozent hätte es nie funktioniert.

Stephanie: Was findest du als Software-Ingenieur an Open Source spannend?

Christoph: Früher hat mich als Techniker interessiert, dass ich es bis zum Letzten verstehen kann. Ich finde es gut, dass ich nicht vor einer Wand stehe und jemand sagt: Hier ist ein Produkt, da kommst du nicht weiter, weil geheimes Wissen drin ist. Offene Schnittstellen schaffen einen Mehrwert für alle.

Stephanie: Muss man technisch versiert sein, um Zugang zu Open Source zu bekommen?

Christoph: Nein, Open Source muss nicht automatisch Open-Source-Code heißen. Es gibt zum Beispiel Open-Source-Tomaten. Das Saatgut und die Eigenschaften der Tomate gehören nicht einer Firma, sondern alle Leute können dieses Wissen und dieses Saatgut teilen. Es geht um offenes Wissen. Eine Anleitung, ein Video, wie jemand etwas baut – das ist auch eine Art Open Source.

Christoph ist stolz darauf, dass das freiLand trotz erheblicher Herausforderungen mittlerweile dreimal so viel Strom erzeugt, wie es selbst benötigt. © 2026

„Eine Anleitung, ein Video, wie jemand etwas baut – das ist auch eine Art Open Source.“

Schritt 3: Bei größeren Anlagen hilft es, eine Person zu haben, die alles koordiniert.

Stephanie: Zurück zur Solargiraffe. Was würdest du anderen Orten oder Vereinen raten, die etwas Ähnliches machen wollen?

Christoph: Schritt eins wäre: Geht zu anderen Leuten, die es schon gemacht haben. Wir vom freiLand bieten immer wieder Beratungen und Informationsveranstaltungen für Personen an, die ähnliche Projekte umsetzen wollen.

Ein zweiter Punkt wäre: Man braucht nicht nur einen Energieberater, sondern jemanden, der alles zusammenhält und die verschiedenen Firmen und Arbeiten koordiniert.

Aber im Endeffekt sind wir jetzt in einer sehr privilegierten Situation und ernten die Früchte von dem, was wir erarbeitet haben.

„Und irgendwann sind wir vielleicht alle gleich cool wie das freiLand und haben alle eine coole Batterie im Netz, anstatt ganz viele Einzelkämpfer und Verbraucher zu sein.“

Stephanie: Was ist deine Einschätzung. Welche Rolle können Projekte wie das im freiLand zukünftig für die dezentrale Energieversorgung spielen?

Christoph: Wir können eine Vorreiterrolle sein. Wir können uns Sachen trauen, die andere sich nicht trauen. Durch diese kleine Technikinsel sind wir ein Anlaufpunkt für Menschen geworden, die sich mit solchen Themen beschäftigen.

Und irgendwann sind wir vielleicht alle gleich cool wie das freiLand und haben alle eine coole Batterie im Netz, anstatt ganz viele Einzelkämpfer und Verbraucher zu sein.